Archiv der Kategorie: Hochschulpolitik

32. Führung im Zeitalter der KI

Wir erkennen zwei unterschiedliche Einstellungen zur „Führung im Zeitalter der KI“ (= Künstliche Intelligenz).

Die einen sagen, es wird alles ganz anders. Wenn alle Daten ins System eingespeist sind, dann kann es nur eine richtige Entscheidung geben. Und diese wird dann vom intelligenten, d.h. denkenden Roboter, sogar besser gefunden als vom Menschen. Denn mit riesigen Datenmengen kann künstliche Intelligenz besser umgehen als menschliche.

Die Gegenmeinung sagt: „Der Mensch bleibt für die Entscheidungsfindung unersetzlich, kann sie aber durch Daten untermauern.“ [Fabian Schladitz, Künstliche Intelligenz ist der Hammer. Doch wo sind die Nägel, in: WWW.Handelsblatt-Journal.de, „Künstliche Intelligenz“, März 2019] KI-Maschinen sind dann Zuarbeiter für den Entscheider, vergleichbar Statistikern, Controllern u.ä.

Es liegt nahe, dass die erste Meinung jene vertreten, die dem Menschen auch keinen freien Willen zubilligen. Für sie, die Behavioristen, ist das Hirn wie ein Hohlspiegel, in dem die äußeren Eindrücke eingefangen werden und Reaktionen auslösen. Künstliches und menschliches Hirn arbeiteten danach im Grundsatz gleich.

Wir haben diese Frage im vorletzten Blog-Bericht ausführlich erörtert und die Überzeugung vertreten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Entscheiden, also Handeln unter Unsicherheit, und schöpferisches Denken kann keine Maschine übernehmen. Vor allem entscheiden sich Menschen unterschiedlich und verfolgen dann unterschiedliche Ziele.

Die nächste Frage ist: Wer ist in Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen für welche Entscheidungen und Zielsetzungen zuständig und trägt dafür Verantwortung? Das ist zugleich die Frage nach Führung und Ausführung in Organisationen. Ändert sich daran etwas im Zeitalter der KI?

Wir haben in früheren Blog-Berichten bereits „Führen, Steuern und Ordnen untersucht und unterschieden. Danach kann KI möglicherweise einmal ausführen und steuern gemäß vorgegeben Zielen mit Zeit und Zahlen. Führen und ordnen kann sie aber nicht.

Bleibt hier alles beim Alten? Das kommt darauf an! Wer die vielen Aufsätze und Stellungnahmen zu „Führen im Zeitalter der KI“ liest und sich mit der Sache schon eingehender beschäftigt hat, dem kommen viele Forderungen, z.B. Führen durch Auftrag statt Befehl, bekannt vor.

In einer globalisierten und vom digitalen Fortschritt getriebenen Welt ändert sich die Lage der Wirtschaft und der Politik oft und schnell. Neue große und kleinere Unternehmen, Weltkonzerne und Gründer (Start-Ups) tauchen auf dem „Schauplatz des Wettkampfs“ auf. Und (!) es geht um Überleben oder Untergang. Das ist ein wahres, zum Glück meist unblutiges Kriegstheater. Und wer sich auskennt, trifft da auf bekannte Erfahrungen und Grundsätze.

  • En Mensch allein kann das Geschehen nicht überblicken. Die KI, das „Internet der Dinge“, die digital voll vernetzte Fabrik und nicht zuletzt die neuen Marktteilnehmer mit neuen Strategien und Produkten machen das Geschehen komplex; d.h. verwickelt und schwer durchschaubar. Die Folgerung heißt: Führen mit Stäben, und zwar generalstabsmäßig (dazu unten mehr).
  • Unternehmerisch-strategische und technisch-digitale Verantwortung müssen zusammengeführt werden. Auch das ist Stabsarbeit.
  • Letztlich geht es wie beim Militär um Führung bei unübersichtlichen, schnell wechselnden Lagen. Beteiligt sind da kleine schnelle und übergroße Angreifer. Dazu wurden unter bittersten Bedingungen überlebenswichtige Erfahrungen gesammelt Sie gingen in die militärischen Führungsgrundsätze ein. Es lohnt sich, diese unter den heutigen Bedingungen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

In der früheren Heeresdienstvorschrift (HDv) lautet der erst fettgedruckte Satz bei „Führungsgrundsätze“: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende freie, schöpferische Tätigkeit.“ [HDv 100/1 Truppenführung, Oktober 1962; von 1962 bis 1964 war ich Zeitsoldat] – Damit bleibt hier KI außen vor.

Da das Geschehen so komplex, verwickelt und schwer durchschaubar ist, empfiehlt die HDv: „Die Lage ist meist ungewiß. Selten läßt sich vor dem Gefecht ein klares Bild über die Verhältnisse beim Feind gewinnen. Oft wird auch die Lage beim Nachbarn, mitunter sogar in der eigenen Truppe nur lückenhaft bekannt sein. In gespannter Lage jedoch auf Meldungen zu warten, ist selten ein Zeichen willensstarker Führung, oft ein schwerer Fehler.“ [HDv 100/1 a.a.O., Nr. 104] – Im Wirtschaftskampf gilt das in abgemilderter Form.

Für die Aufklärung der Feindlage ist in einem Bataillons- oder Generalstab ein eigener Offizier zuständig. Damit sind wir bei der Führungsunterstützung „Stab“. Stäbe entscheiden nicht, sie bereiten Entscheidungen vor. Entscheider ist stets der Kommandeur, also die verantwortliche Führungskraft. Allerdings haben in deutscher Tradition Generalstabsoffiziere die Pflicht, ihre eigene, vor allem auch gegenteilige Meinung vorzutragen. Dabei wird Perikles, der größte Feldherr im alten Athen, zitiert: „Denn auch dies ist unsere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten durchdacht haben.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 64]

Stäbe werden im Zeitalter der KI besonders wichtig. Denn hier werden die verschiedensten Fachbereiche (z.B. Strategie und Taktik, Technik und KI) zusammengeführt. Wie der Stab so dient auch die KI der Vorbereitung von Entschlüssen und Entscheidungen.

Trotz der oft großen Ungewissheit und Unübersichtlichkeit der Lage  verlangt erfolgreiche Führung vom Truppenführer klare und einfache Entschlüsse und Befehle. „Jedem Entschluss geht eine Beurteilung der Lage voraus. Sie verlangt rasche Gedankenarbeit, einfache, nüchterne und folgerichtige Erwägungen sowie Beschränkung auf das Wesentliche.“ HDv 100/1, a.a.O., Nr. 104]

KI kann dabei Hilfsdienste leisten, aber nie die letzte Entscheidung und Verantwortung übernehmen. Zur Umsetzung zitiert die HDv Moltke: „Fester Entschluss und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 99]

Wichtig, kriegsentscheidend ist, dass sich der Chef des Unternehmens zu einer Entscheidung durchringt. Die schwächsten Führungskräfte und Feldherrn waren stets die Zauderer.

Im Zeitalter der KI können die Führungskräfte auch nur mit Aufträgen und nicht mit Befehlen führen. Man denke nur an den Einsatz eines Programmierers. Der Chef kann die Ziele für ein IT-Programm mit ihm durchsprechen und vereinbaren. Den Weg zum Ziel, die Ausarbeitung des Programms, muss der Programmierer eigenverantwortlich und selbständig durchführen. Die Zielerreichung hat er dem Chef zu melden (Auftrags- statt Befehlstaktik).

Wer an Tagungen zur KI und ihrem Einfluss auf unser Leben teilnimmt, dem fällt die „Schein“-Wissenschaftlichkeit auf. Die Vortragenden und Experten verlieren sich in Einzelheiten, in den Mengen von „Fakten und Daten“. Und solche Chefs schreiben am liebsten auch alle Details vor.

Clausewitz hält solche Leute geradezu für ungeeignet zu Strategie und großer Feldherrnkunst: „Darum sind auch diejenigen immer zu Recht als lächerliche Pedanten verspottet worden, die für die Erziehung eines künftigen Feldherrn [es] nötig oder auch nur nützlich hielten, mit der Kenntnis aller Details anzufangen. Es lässt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ihm Fremdes ganz von sich stößt.“  [Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Frankfurt/M. 1980, S. 106 f] Scharnhorst sagt kurz: „Man muss das Ganze stets vor seinen Teilen sehen.“

Der größte aller denkbaren Pedanten ist die KI. Denn sie steckt tief im eingespeisten Datensumpf. Eine freie, schöpferische Tätigkeit, ein Abweichen von festen Formeln (Algorithmen) ist ein Widerspruch zu den Abläufen bei der KI.

 Nun kommt noch ein weiterer ganz wichtiger Punkt, den KI nie ersetzen kann: Führung richtet sich an Menschen. Führung muss den Willen vieler auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

Führung erfolgt am besten unmittelbar, persönlich und mündlich. Sie muss eine Gruppe dazu bewegen, gemeinsame Ziele trotz Widerständen zu verfolgen und zu erreichen. Dazu brauchen Führungskräfte wieder jene Eigenschaften, die unsere Bürger von Politikern fordern: 1. Vertrauen, 2. Voraussicht, 3. Sachverstand, 4. Durchsetzungsvermögen und 5. Bürgernähe. Letzteres hängt eng am Vertrauen: „Vertrauen zwischen Führern und Geführten ist die Voraussetzung jedes Erfolgs und die Grundlage für den Zusammenhalt in Not und Gefahr.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 43]

Innerhalb der Gruppe und zwischen Führern und Geführten muss Kameradschaft herrschen: „Kameradschaft erweist sich im Handeln und im rechten Einstehen füreinander. Sie ist das Band, das die Truppe in allen Lagen fest zusammenschließt. … Wer mehr zu leisten vermag, muss dem weniger Erfahrenen und Schwächeren helfen. Falscher Ehrgeiz, Selbstsucht und Unaufrichtigkeit zerstören die Kameradschaft.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 44]

Menschen, die nur ihre Karriere kennen, weder ihren Kollegen noch dem Unternehmen dienen wollen, sind zur Kameradschaft und Führung untauglich. Das gilt auch und gerade im Zeitalter der KI, wo kreative Teams zusammengeführt werden müssen.

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine?

Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind?

Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43]

Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein Hohlspiegel, der die von außen einfallenden Eindrücke verarbeitet und danach unser Verhalten (behavior) ausrichtet. Wir können auch sagen, das Hirn ist wie eine Schallplatte, die nur das abspielen kann, was vorher eingeritzt wurde. Das Hirn arbeitet danach reaktiv, nicht aktiv. So kann man sich auch die KI vorstellen.

Folgerichtig ist dann, was schon David Hume (1711 – 1776) betont hat: Nicht nur unser Gehirn arbeitet ohne freien Willen wie eine Maschine, auch die Geschichte läuft ab wie ein Uhrwerk (Laplace). [Pierre Simon Laplace (1749 – 1827): ‚Das System der Welt’ (1796) und sein fünfbändiges Buch ‚Die Mechanik des Himmels’ (1799 – 1825).  –  Letzte Auflage: Cambridge University Press 2009] Dies war das herrschende Weltbild der Wissenschaftler im 19. Jahrhundert und fand Eingang in die Ideologie des Marxismus, wonach die Geschichte zwangsläufig dem eigentumslosen, kommunistischen Endparadies zueilt. Der Liberalismus sieht es ähnlich; das „Ende der Geschichte“ ist das „Eine-Welt-Dorf“ mit gleichen Werten und einer liberalen, kapitalistischen Weltwirtschaft. [Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992 – Bestseller] – Das bezweifeln nun viele.

Dazu passt nahtlos die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith (1723 – 1790), die ohne unseren Willen die Wirtschaft ins Optimum steuert.

Demgegenüber vertritt die deutsche Philosophie mit Leibniz (1646 – 1716) und Immanuel Kant (1724 – 1804) die Sicht eines aktiven Verstandes mit Verantwortung und freiem Willen. Aufklärung ist die Herausführung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (Kant). Wir sollen eigenverantwortlich denken, handeln.

Gründlich und – aus meiner Sicht – sehr überzeugend haben Karl Popper (1902 – 1994) und John Eccles (1903 – 1997) den Behaviorismus kritisiert. [Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, „18. Radikaler Materialismus oder radikaler Behaviorismus“, S. 88 ff – Popper war Philosoph, Eccles Neurologe.] Nach Popper und Eccles steuert das Ich mit seinem freien Willen unser Hirn. Wir tragen Verantwortung für unsere Entscheidungen, müssen Rechenschaft ablegen. Für vorsätzliches oder fahrlässiges Fehlverhalten werden wir bestraft. Darauf beruht unser ganzes Rechtssystem. KI-Maschinen oder Tiere können nicht vor Gericht gestellt werden.

Dieses unterschiedliche Menschenbild hat Auswirkungen in vielen Lebensbereichen. So ist bei Carl von Clausewitz der Krieg ein Aufeinandertreffen von gegensätzlichen „Willen“. Damit ist der Gegner nicht berechenbar. Er kann sich für uns unerwartet entscheiden und so die Schlacht gewinnen. Wir müssen spontan reagieren können.

Dieser unterschiedlichen Sicht des Menschen und seines Gehirns begegnen wir heute in der Hirnforschung und bei der künstlichen Intelligenz. Damit ist diese Frage kein philosophischer Gelehrtenstreit, sondern für die Wirtschaft und den Fortschritt höchst aktuell. Ein Teil der Hirnforscher geht vom freien Willen aus, ein anderer hält ihn für eine Einbildung. [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt (WBG) 2008, „16. Der freie Wille“, S. 141 ff] Gassen glaubt an einen freien Willen, meint aber, die Frage sei derzeit und vielleicht nie „wissenschaftlich“ zu entscheiden. Dazu passt Karl Poppers „kritischer Rationalismus“, der davon ausgeht, dass wir nie eine wissenschaftliche Erkenntnis verifizieren, d.h. als „wahr“ beweisen, sondern nur durch neue Erkenntnisse widerlegen (falsifizieren) können. Er zeigte dies an den bahnbrechenden Umbrüchen des Weltbilds der Naturwissenschaftler.

Wer glaubt, dass unser Hirn nur eine bessere Maschine ohne freien Willen ist, der stellt letztlich die menschliche und die künstliche Intelligenz auf die gleiche Stufe. Womöglich wäre dann die KI dem Menschen ähnlich überlegen wie ein starker Motor unserer Muskelkraft.

Diese Fragen bewegen heute die Gemüter der Fachwelt. „Maschinen lernen, aber sie denken nicht“, wie Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gerade für die „KI“ [Künstliche Intelligenz] erklärt: ‚Diese Intelligenz unterscheidet sich ganz fundamental von der menschlichen Intelligenz. Maschinen denken nicht. Sie sind einfach in der Lage, aus großen Datenmengen Muster zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen und so zu lernen. Maschinen können lernen, aber ohne zu denken. … Entscheidend ist: Die Menschen müssen wissen, was die Maschinen tun, wie sie es tun und wie wir sie trainieren.“ [Interview in: VDI nachrichten, 21. 04. 2017 (VDI = Verein Deutscher Ingenieure)]

Das wollen wir uns an dem Beispiel der „klugen Ladenkasse“ aus dem letzten Blog-Bericht veranschaulichen. Ein Zauberwort ist dabei heute das „Internet der Dinge“ („Internet of Things“). Dabei verständigen sich übers Internet nicht Menschen, sondern „intelligente Geräte“ (= Dinge), also Maschinen mit KI.

So arbeiten z.B. im „Internet der Dinge“ die „kluge Ladenkasse“ oder der „kluge Kühlschrank“, indem sie entnommene Waren selbsttätig nachbestellen. Werden Transportwege und Beförderungszeiten aufgrund von Erfahrungswerten automatisch eingerechnet, dann lernen der „kluge Kühlschrank“ oder die „kluge Ladenkasse“. Es wird die „zeitgenaue Lieferung“ (Just in time) mit KI optimiert, d.h. es wird rechtzeitig bestellt. „Lernen“ heißt nach Karl Popper aufgrund von Erfahrung, sein Verhalten ändern. Ein solches Erfahrungs-Lernen kann KI. Das ist auch leicht vorstellbar. Diese Begriffsbestimmung von Lernen haben Popper und Eccles durch die Beobachtung von Lernvorgängen bei Katzenbabys gefunden. Das ist aber noch kein „menschliches Denken“, das weder Katzen noch KI beherrschen. [Karl Popper / John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, z.B. S. 453 ff, ] Menschliches Denken kommt nach Popper und Eccles dadurch zustande, dass das „Ich“ oder der menschliche Wille das Hirn als Werkzeug benutzen, um z.B. selbst gewählte Ziele aktiv anzusteuern. Das „Ich“ arbeitet aktiv, kreativ und willkürlich, d.h. eben unberechenbar und nicht vorprogrammiert. – Das ist auch der Gegensatz zum animalischen Trieb oder Instinkt, der dem Tier keine andere Wahl lässt. Nur im Mittelalter soll es gelegentlich Gerichtsverfahren gegen Tiere gegeben haben.

Fügen wir an: Entscheiden heißt „handeln unter Unsicherheit“; das kann nur der Mensch. Und nicht alle entscheiden gleich. Es gibt Zauderer und Draufgänger. Nirgends ist der Wille so entscheidend wie bei Wettkämpfen, Wettbewerb und – letztlich – im Krieg. Die unsichtbare Hand, der vorbestimmte Weltenlauf, auf den wir in Ruhe warten können, sind zwar bequem, aber in diesem Geschehen brandgefährlich.

So drohen der Welt heute Gefahren durch Fehlverhalten, für das wir Menschen die Verantwortung tragen. Das sind Klima- und Umweltkatastrophen, Atomkriege und auch zerfallende Staaten, bei denen wir von „kultureller Umweltzerstörung“ sprechen. Das kann uns keine Maschine, keine KI abnehmen. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Stephan Hawkings, der große, kürzlich verstorbene Weltraumforscher, meinte, die Menschheit sei zu dumm, um langfristig zu überleben. Wir halten es mit Karl Valentin: „Vorhersagen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen.“

26. Kampf der Wissenschaft gegen Fachverlage – Teil 2

Wir haben uns mit der „Freiheit der Wissenschaft“ und der Unfreiheit durch die Fachzeitschriften in zwei Blog-Berichten beschäftigt:

  • „Freie statt gesteuerte Wissenschaft!“ – 11.01.2019
  • „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ – 14.01.2019

Nun berichtet der Chefunterhändler der Wissenschaftler, Horst Hippel, der bis vor kurzem auch lang Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war, von einem großen Erfolg. Das Handelsblatt meint sogar: „Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung“ [Handelsblatt, 16.01.2019]

Was ist geschehen? Die in einem sog. Deal-Konsortium zusammengeschlossenen deutschen Wissenschaftler haben mit einem der drei größten Fachverlage für wissenschaftliche Zeitschriften, nämlich Wiley, einen Vertrag geschlossen. Danach sollen rund 700 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen freien Zugang zu den Veröffentlichungen des US-Verlags Wiley bekommen. Dieser veröffentlich jährlich rund 10.000 wissenschaftliche Artikel.

Wer nachrechnet stellt fest, dass das etwa 10 – 20 % der jährlichen Veröffentlichungen sind. Denn Zweitdrittel des Marktes teilen sich die drei großen Fachverlage; das sind Elsevier, Springer Nature und der genannte Wiley-Verlag. Von diesen drei gehört wieder die Hälfte dem Verlag Elsevier, der 2018 aus den Verhandlungen mit den Wissenschaftlern ausgestiegen ist. Springer verhandelt weiter. Es handelt sich also nur um einen ersten Schritt. Denn beim Rest bleibt alles beim Alten.

Außerdem geht es nur um den Zugang zu den Publikationen, die von den Verlagen zur Veröffentlichung angenommen wurden. Wer nicht in eine der Zeitschriften kommt, hat nichts von dem Deal. Unser Blog-Bericht „Freie statt gesteuerte Wissenschaft“ bleibt also voll gültig und aktuell. Die Verhandlungen waren langwierig. Im Blog vom 14.01.2019 berichteten wir vom „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ im Jahr 2012. Die Verhandlungen begannen dann 2016; und nun haben wir 2019 ein Teilergebnis.

In dem Streit und im Vertrag geht es zunächst ums Geld. Denn die Fachverlage verdienen als Oligopolisten prächtig. Das gilt vor allem für die drei großen Markt-Beherrscher. Die Rendite von Elsevier soll bei 40% liegen.

Nun wurde vereinbart, dass nicht die Leser, sondern die Schreiber künftig zahlen. Man kann sich das so vorstellen wie bei den Anzeigenblättern; sie werden kostenlos in die Briefkästen gesteckt und von denen bezahlt, die darin ihre Waren und Dienste bewerben. Briefkästen haben in unserem Fall aber nur die oben genannten 700 Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wie die sonstigen Vertriebswege in dem neuen, bisher nur mit dem Wiley-Verlag vereinbarten System sind, ist unbekannt. Einzelheiten sollen Mitte Februar veröffentlicht werden.

Verdienen künftig die Verlage mehr oder weniger? Das ist unklar, sagte der Wiley-Vertreter: „Wegfallende Abonnenten-Einnahmen müssen künftig durch Gebühren der Forscher kompensierte werden.“ Die Forscher können natürlich nicht emsig arbeiten und dafür in den eigenen Geldbeutel greifen. Ihre Auftraggeber (z.B. Uni, Forschungsinstitut) müssen zahlen. Und so meint Gerhard Meijer von der Max-Planck-Gesellschaft: „Bisher ist klar, dass etwa eine Reise zu einem Kongress in den USA aus Forschungsprojektmitteln bezahlt wird. Künftig muss daraus eben auch die Publikation der Forschungsergebnisse finanziert werden.“ [Handelsblatt, 16.01.2019]

Ziel der Wissenschaftler bei dem Deal war zum einen „freier Zugang“, genannt „Open Access“, zu den Ergebnissen von Wissenschaft und Forschung; diese werden bei uns weitgehend mit Steuermitteln finanziert. Zum anderen sollten „die überzogenen Preise und exorbitanten Gewinne der dominierenden Verlage“ beendet werden.

Ziele erreicht? Verhandlungsführer Horst Hippler frohlockt nach dem über dreijährigen Kampf: „Das Abkommen ist ein revolutionärer Schritt auf dem Weg zu generellem Open Access.“ Hoffen wir das Beste. Bisher mussten für Druck- und Online-Abos mittlere Unis jährlich mehrere Millionen Euro bezahlen. Das Geld kommt künftig nur aus anderen Steuertöpfen oder Haushaltsstellen (bisher: Zeitschriftenkäufe, künftig: Forschungsmittel). Entscheidend wird sein, was die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Artikels kosten wird und ob dabei die bisherigen hohen Renditen von bis 40% von den Verlagen durchgesetzt werden können.

Da waren wir im Blog „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ schon näher an einer besseren Lösung: Nur staatliche Einrichtungen und entsprechende Gesetze können helfen. In den USA war das „National Institute of Health“ bestrebt, eine Politik des offenen Zugangs durchzusetzen. „Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies verbieten – und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.“ Die Verlage sind offensichtlich mächtige und erfolgreiche Spender bei den Wahlen von Personen und Parteien. Das ist dann Staats- und Politikversagen.

Darum kam dort Olaf Storbeck zu einem weiteren, gut nachvollziehbaren Schluss: „Wirklich etwas bewegen könnten nur staatliche Forschungsgesellschaften wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die wissenschaftliche Projekte finanzieren. … Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in freizugänglichen Zeitschriften erscheint.“ [Handelsblatt, 13.02.2012] Sie könnten auch auf Deutsch als Wissenschaftssprache bestehen. Es ist eigentlich deutsche und kontinentaleuropäische Tradition, dass bei Marktversagen und Schädigung des Gemeinwohls der Staat eingreift. – Das kann man nicht oft genug sagen.

 

25. Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften

Die im letzten Blog beschriebenen Missstände sorgten 2012 für einen Aufstand. Dennis Snower, bis heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, wurde vom Handelsblatt interviewt. Auch er gehört zu den scharfe Kritikern der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Er meint: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“  [Handelsblatt vom 13.02.2012 S. 18]  Es blieb nicht bei Protesten.

Auch Angelsachsen sind mit ihren englischen Fachzeitschriften unzufrieden. Zur gleichen Zeit erschien im Handelsblatt ein weiterer Aufsatz mit dem Titel: „Wie viel darf Wissen kosten? Forscher wollen einen Fachverlag boykottieren, weil dieser angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet“. [Handelsblatt vom 13.02.2012, S. 18] Ein Wissenschaftler namens Timothy Growers rief seine Kollegen zum Boykott auf und nach kurzer Zeit hatten sich rund 5.200 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen seinem Aufruf angeschlossen. Sogar die Präsidentin der internationalen Mathematikerunion und Chefherausgeberin einer Fachzeitschrift im Verlag Elsevier, der boykottiert wurde, unterschrieb.

Kritisiert wurden mehrere Dinge. Zum einen würden die Verfasser der Veröffentlichung unentgeltlich, sozusagen ehrenamtlich arbeiten. Für die Verlage sei das Gegenteil der Fall: „Die großen, profitorientierten Wissenschaftsverlage pressen so viel Geld aus der akademischen Welt heraus, wie der Markt hergibt.“ Seit 1999 seien die Gebühren der Bibliotheken für den Zugang zu Zeitschriften um 90 % gestiegen. Die Verlage würden Hochpreispolitik betreiben, ihre Monopolstellung ausnützen und ihre überteuerten Fachblätter nur als Pakete verkaufen. Für die Bibliotheken sei es unwirtschaftlich, einzelne Zeitschriften abzubestellen. (Die Kartellämter schlafen tief.) Der „freie Markt“ führt hier zu Ergebnissen, die Art. 5 III GG (Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre) eindeutig widersprechen.

Eigentlich säßen ja die Wissenschaftler am längeren Hebel. Ohne ihre Arbeit könnten Fachverlage gar nichts veröffentlichen. Die vielbeschworene Wissenschaftsgemeinde ist jedoch zersplittert. Bei ihnen herrscht rücksichtslose Konkurrenz um Lehrstühle, um Bekanntheit und Ansehen in der Wissenschaftler-Gemeinde und Drittmittel der Wirtschaft und der Politik.

Vor allem sei es äußerst schwierig, eine neue Fachzeitschrift am Markt durchzusetzen. Neue Journale brauchten Jahre, um anerkannt und gelesen zu werden. Wie schwierig es ist, neue Zeitschriften herauszugeben, zeigte die European Economic Association (EEA). Diese Vereinigung hatte bis 2002 die Zeitschrift „European Economic Review“ (EER) zusammen mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier herausgegeben, den nun Timothy Growers heftig kritisierte. Nach langem Streit kündigte die genannte europäische Wissenschaftsvereinigung (EEA) dem Verlag und gründete 2003 das nicht kommerzielle „Journal of the European Economic Association“ (JEEA). „In einem spektakulären Schritt wechselte das gesamte Herausgebergremium zur neuen Zeitschrift.“ Wissenschaftlich gesehen sei die neue Zeitschrift sehr erfolgreich. Ihre Artikel wurden so häufig zitiert, wie jene der immer noch bestehenden „European Economic Review“ (EER). „Trotzdem ist das JEEA aber noch immer unzureichend in den Bibliotheken vertreten.“ Das liege vor allem an den Bündelungsverträgen, mit denen die Fachverlage die Universitätseinrichtungen knebelten.

Im Juli 2018 berichtete das „Recherchenetzwerk“ von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung Magazin“, dass mehr als 5000 deutsche Forscher in den vergangenen Jahren ihre Forschungs- und Studienergebnisse in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht hätten. Weltweit seien es etwa 400.000 Forscher gewesen. [Neben allen ARD-Anstalten urteilten so auch die Tageszeitungen, z.B. RNZ, 20.07.2018] Doch wer entscheidet, was unwissenschaftlich ist?

Die Schlussfolgerungen im genannten Handelsblattartikel („Wie viel darf Wissenschaft kosten?“) sind einfach und richtig. Nur staatliche Einrichtungen und entsprechende Gesetze können helfen. In den USA war das „National Institute of Health“ bestrebt, eine Politik des offenen Zugangs durchzusetzen. „Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies verbieten – und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.“ Die Verlage sind offensichtlich mächtige und erfolgreiche Spender bei den Wahlen von Personen und Parteien.

Darum kommt der Verfasser Olaf Storbeck zu einem weiteren, gut nachvollziehbaren Schluss: „Wirklich etwas bewegen könnten nur staatliche Forschungsgesellschaften wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die wissenschaftliche Projekte finanzieren. … Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in freizugänglichen Zeitschriften erscheint.“ [Handelsblatt a.a.O.] Sie könnten auch auf Deutsch als Wissenschaftssprache bestehen. Und es ist eigentlich deutsche und kontinentaleuropäische Tradition, dass bei Marktversagen der Staat eingreift. Bis heute ist nichts geschehen.

24. Freie statt gesteuerte Wissenschaft!

Nicht immer ist es der Staat, der unsere Freiheit bedroht. Das meinen nur die Neoliberalen. Oft sind es Machtgruppen, Lobbyisten und Konzerne, die für Unfreiheit sorgen.

Dazu wollen wir heute ein ganz wichtiges Wissensgebiet unter die Lupe nehmen. Es sind die Wirtschaftswissenschaften. Sie sind ein Hauptbetätigungsfeld der Neoliberalen. Und mit Chinas staatlich gesteuerter Volkswirtschaft ist ein ernster Konkurrent aufgetaucht. Er verbindet eine klare wirtschaftliche Strategie mit einer konsequenten operativen Steuerung und einer geschickten Taktik [vgl. G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und der Wirtschaftssysteme, Abschnitt: „Chinas staatlich gesteuerte Volkswirtschaft“, S. 29 ff] Kein Zweifel, Europa u.a. brauchen hier eine Gegenstrategie, um Wissen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunftsunternehmen zu sichern.

Die „unsichtbare Hand“ eines Adam Smith (1723 -1790) wird das nicht schaffen. Sie lenkt nur in der Theorie alles zum Besten, ins große Gleichgewicht. Tatsächlich stecken Klassiker und Keynesianer seit der Finanzpleite von 2007 in einer Orientierungskrise. Sind sie nun dabei sich zu erneuern, kreative und innovative Lösungen zu finden?

Greifen wir dazu mitten hinein ins volle Leben und Kampfgeschehen der Volkswirtschaftslehre. Manche behaupten hier herrschten Missstände, die gar den Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz aushebeln, d.h. die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Bestimmen bei uns und im Westen Vernunft oder oft reine Macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung?

Wie der Wissenschaftsbetrieb weithin abläuft, lässt sich gut an den wissenschaftlichen Fachzeitschriften zeigen. Sie werden heute von den angelsächsischen Volkswirten beherrscht, ja geradezu kontrolliert. Dieser Freiheitsentzug kommt nicht vom Staat, sondern von Machtgruppen der Gesellschaft. Es sind die Herren der angesehenen englischen Fachblätter. Dadurch bestimmen sie nicht nur den Meinungsmarkt, sondern auch, was in ihren Zeitschriften veröffentlicht wird. Und das ist jeweils „ihre“ herrschende Meinung, also seit 1970 ff die neoliberale Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik.

Hinzu kommt, dass die Anzahl der dort veröffentlichten Aufsätze bei Berufungsverfahren auch an deutschen Universitäten entscheidet, wer zum Ordinarius (Ordentlicher Professor) und damit Lehrstuhlinhaber berufen wird.

Auf einer volkswirtschaftlichen Tagung einer politischen Stiftung wurde ein Nachwuchswissenschaftler zu diesen Missständen von den Zuhörern eingehend interviewt. Er gab bereitwillig Auskunft und meinte: „Im Berufungsverfahren ist vor allem eine möglichst lange Liste von Veröffentlichungen ausschlaggebend.“ Der Inhalt sei nicht wichtig, nur wo und wie viel veröffentlicht wurde. Alle von ihm genannten Fachzeitschriften waren englischsprachig. Ich fragte nach dem „Wirtschaftsdienst“ (früher Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, HWWA, jetzt  Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, ZBW), den ich über viele Jahre bezogen hatte. Er winkte ab. Solche und andere deutschsprachigen Fachblätter seien nicht erste Wahl, höchstens in die Kategorie C einzuordnen. Damit könne man nicht glänzen. Es gebe eben keine deutschsprachige Zeitschrift mit „Reputation“, mit dem erforderlichen wissenschaftlichen Ansehen.

Doch die Hürde, in solch eine angelsächsische Zeitschrift zu kommen, sei hoch. Die Ablehnungsquote liege zwischen 80 und 90 %. Hinzu komme, dass die Zeit der Begutachtung zwischen einem dreiviertel und zwei Jahren liege. Die nächste Klippe seien die Gutachter. Sie gehören durchweg zur bekannten angelsächsischen Garde. „Es wird eher das Herkömmliche veröffentlicht.“ Neue Ansätze kommen deswegen nicht nur schwer in die Fachzeitschriften, sondern auch schwer in die Lehre. Zwei anonyme Gutachter beurteilen die eingereichten Aufsätze. Beide müssen zustimmen. Wir können daraus zwei Schlüsse ziehen. Dort wird erstens entschieden, wer veröffentlichen darf, und zweitens auch, wer in Deutschland Professor wird.

Hier hebelt die Marktmacht den Art. 5 III GG (Freiheit von Forschung und Lehre) aus. Wer auf eine „Bereinigung“ durch den Wettbewerb wartet, wartet vergeblich. Wenn bei Wirtschaftswissenschaftlern ein Problem auftaucht, dann heißt die Lösung eintönig: mehr Markt und mehr Wettbewerb. Das kann helfen, hilft aber wie im vorliegenden Fall nicht immer. Ist nämlich der Markt vermachtet und dazu noch völlig „dereguliert“, dann wird der Markt zum Problem. Bei den neoliberalen Marktgläubigen herrscht ein eingleisiges und engstirniges Denken.

Damit kommen wir wieder zum Primat der Politik. Dort liegt die letzte Verantwortung für die Beseitigung von Missständen und die Durchsetzung des „gemeinen Besten“, des Allgemeinwohls. Den richtigen Ansatz hatte unsere traditionelle Politik. Wir vertrauten nicht auf die „unsichtbare Hand“, die durch den Markt und den Wettbewerb nicht alles zum Besten lenkt, sondern auf den Staat, der für die Verbesserung der Verhältnisse zuständig und verantwortlich ist.

Dass das sogar die Wirtschaftswissenschaftler in diesem, sie entmündigenden Bereich erkannt haben, wollen wir uns im nächsten Blog genauer ansehen. Da geht es dann ums Thema Wissenschaftler gegen die Marktmacht von Fachzeitschriften und Fachverlagen.