Archiv der Kategorie: Bildungspolitik

32. Führung im Zeitalter der KI

Wir erkennen zwei unterschiedliche Einstellungen zur „Führung im Zeitalter der KI“ (= Künstliche Intelligenz).

Die einen sagen, es wird alles ganz anders. Wenn alle Daten ins System eingespeist sind, dann kann es nur eine richtige Entscheidung geben. Und diese wird dann vom intelligenten, d.h. denkenden Roboter, sogar besser gefunden als vom Menschen. Denn mit riesigen Datenmengen kann künstliche Intelligenz besser umgehen als menschliche.

Die Gegenmeinung sagt: „Der Mensch bleibt für die Entscheidungsfindung unersetzlich, kann sie aber durch Daten untermauern.“ [Fabian Schladitz, Künstliche Intelligenz ist der Hammer. Doch wo sind die Nägel, in: WWW.Handelsblatt-Journal.de, „Künstliche Intelligenz“, März 2019] KI-Maschinen sind dann Zuarbeiter für den Entscheider, vergleichbar Statistikern, Controllern u.ä.

Es liegt nahe, dass die erste Meinung jene vertreten, die dem Menschen auch keinen freien Willen zubilligen. Für sie, die Behavioristen, ist das Hirn wie ein Hohlspiegel, in dem die äußeren Eindrücke eingefangen werden und Reaktionen auslösen. Künstliches und menschliches Hirn arbeiteten danach im Grundsatz gleich.

Wir haben diese Frage im vorletzten Blog-Bericht ausführlich erörtert und die Überzeugung vertreten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Entscheiden, also Handeln unter Unsicherheit, und schöpferisches Denken kann keine Maschine übernehmen. Vor allem entscheiden sich Menschen unterschiedlich und verfolgen dann unterschiedliche Ziele.

Die nächste Frage ist: Wer ist in Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen für welche Entscheidungen und Zielsetzungen zuständig und trägt dafür Verantwortung? Das ist zugleich die Frage nach Führung und Ausführung in Organisationen. Ändert sich daran etwas im Zeitalter der KI?

Wir haben in früheren Blog-Berichten bereits „Führen, Steuern und Ordnen untersucht und unterschieden. Danach kann KI möglicherweise einmal ausführen und steuern gemäß vorgegeben Zielen mit Zeit und Zahlen. Führen und ordnen kann sie aber nicht.

Bleibt hier alles beim Alten? Das kommt darauf an! Wer die vielen Aufsätze und Stellungnahmen zu „Führen im Zeitalter der KI“ liest und sich mit der Sache schon eingehender beschäftigt hat, dem kommen viele Forderungen, z.B. Führen durch Auftrag statt Befehl, bekannt vor.

In einer globalisierten und vom digitalen Fortschritt getriebenen Welt ändert sich die Lage der Wirtschaft und der Politik oft und schnell. Neue große und kleinere Unternehmen, Weltkonzerne und Gründer (Start-Ups) tauchen auf dem „Schauplatz des Wettkampfs“ auf. Und (!) es geht um Überleben oder Untergang. Das ist ein wahres, zum Glück meist unblutiges Kriegstheater. Und wer sich auskennt, trifft da auf bekannte Erfahrungen und Grundsätze.

  • En Mensch allein kann das Geschehen nicht überblicken. Die KI, das „Internet der Dinge“, die digital voll vernetzte Fabrik und nicht zuletzt die neuen Marktteilnehmer mit neuen Strategien und Produkten machen das Geschehen komplex; d.h. verwickelt und schwer durchschaubar. Die Folgerung heißt: Führen mit Stäben, und zwar generalstabsmäßig (dazu unten mehr).
  • Unternehmerisch-strategische und technisch-digitale Verantwortung müssen zusammengeführt werden. Auch das ist Stabsarbeit.
  • Letztlich geht es wie beim Militär um Führung bei unübersichtlichen, schnell wechselnden Lagen. Beteiligt sind da kleine schnelle und übergroße Angreifer. Dazu wurden unter bittersten Bedingungen überlebenswichtige Erfahrungen gesammelt Sie gingen in die militärischen Führungsgrundsätze ein. Es lohnt sich, diese unter den heutigen Bedingungen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

In der früheren Heeresdienstvorschrift (HDv) lautet der erst fettgedruckte Satz bei „Führungsgrundsätze“: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende freie, schöpferische Tätigkeit.“ [HDv 100/1 Truppenführung, Oktober 1962; von 1962 bis 1964 war ich Zeitsoldat] – Damit bleibt hier KI außen vor.

Da das Geschehen so komplex, verwickelt und schwer durchschaubar ist, empfiehlt die HDv: „Die Lage ist meist ungewiß. Selten läßt sich vor dem Gefecht ein klares Bild über die Verhältnisse beim Feind gewinnen. Oft wird auch die Lage beim Nachbarn, mitunter sogar in der eigenen Truppe nur lückenhaft bekannt sein. In gespannter Lage jedoch auf Meldungen zu warten, ist selten ein Zeichen willensstarker Führung, oft ein schwerer Fehler.“ [HDv 100/1 a.a.O., Nr. 104] – Im Wirtschaftskampf gilt das in abgemilderter Form.

Für die Aufklärung der Feindlage ist in einem Bataillons- oder Generalstab ein eigener Offizier zuständig. Damit sind wir bei der Führungsunterstützung „Stab“. Stäbe entscheiden nicht, sie bereiten Entscheidungen vor. Entscheider ist stets der Kommandeur, also die verantwortliche Führungskraft. Allerdings haben in deutscher Tradition Generalstabsoffiziere die Pflicht, ihre eigene, vor allem auch gegenteilige Meinung vorzutragen. Dabei wird Perikles, der größte Feldherr im alten Athen, zitiert: „Denn auch dies ist unsere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten durchdacht haben.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 64]

Stäbe werden im Zeitalter der KI besonders wichtig. Denn hier werden die verschiedensten Fachbereiche (z.B. Strategie und Taktik, Technik und KI) zusammengeführt. Wie der Stab so dient auch die KI der Vorbereitung von Entschlüssen und Entscheidungen.

Trotz der oft großen Ungewissheit und Unübersichtlichkeit der Lage  verlangt erfolgreiche Führung vom Truppenführer klare und einfache Entschlüsse und Befehle. „Jedem Entschluss geht eine Beurteilung der Lage voraus. Sie verlangt rasche Gedankenarbeit, einfache, nüchterne und folgerichtige Erwägungen sowie Beschränkung auf das Wesentliche.“ HDv 100/1, a.a.O., Nr. 104]

KI kann dabei Hilfsdienste leisten, aber nie die letzte Entscheidung und Verantwortung übernehmen. Zur Umsetzung zitiert die HDv Moltke: „Fester Entschluss und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 99]

Wichtig, kriegsentscheidend ist, dass sich der Chef des Unternehmens zu einer Entscheidung durchringt. Die schwächsten Führungskräfte und Feldherrn waren stets die Zauderer.

Im Zeitalter der KI können die Führungskräfte auch nur mit Aufträgen und nicht mit Befehlen führen. Man denke nur an den Einsatz eines Programmierers. Der Chef kann die Ziele für ein IT-Programm mit ihm durchsprechen und vereinbaren. Den Weg zum Ziel, die Ausarbeitung des Programms, muss der Programmierer eigenverantwortlich und selbständig durchführen. Die Zielerreichung hat er dem Chef zu melden (Auftrags- statt Befehlstaktik).

Wer an Tagungen zur KI und ihrem Einfluss auf unser Leben teilnimmt, dem fällt die „Schein“-Wissenschaftlichkeit auf. Die Vortragenden und Experten verlieren sich in Einzelheiten, in den Mengen von „Fakten und Daten“. Und solche Chefs schreiben am liebsten auch alle Details vor.

Clausewitz hält solche Leute geradezu für ungeeignet zu Strategie und großer Feldherrnkunst: „Darum sind auch diejenigen immer zu Recht als lächerliche Pedanten verspottet worden, die für die Erziehung eines künftigen Feldherrn [es] nötig oder auch nur nützlich hielten, mit der Kenntnis aller Details anzufangen. Es lässt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ihm Fremdes ganz von sich stößt.“  [Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Frankfurt/M. 1980, S. 106 f] Scharnhorst sagt kurz: „Man muss das Ganze stets vor seinen Teilen sehen.“

Der größte aller denkbaren Pedanten ist die KI. Denn sie steckt tief im eingespeisten Datensumpf. Eine freie, schöpferische Tätigkeit, ein Abweichen von festen Formeln (Algorithmen) ist ein Widerspruch zu den Abläufen bei der KI.

 Nun kommt noch ein weiterer ganz wichtiger Punkt, den KI nie ersetzen kann: Führung richtet sich an Menschen. Führung muss den Willen vieler auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

Führung erfolgt am besten unmittelbar, persönlich und mündlich. Sie muss eine Gruppe dazu bewegen, gemeinsame Ziele trotz Widerständen zu verfolgen und zu erreichen. Dazu brauchen Führungskräfte wieder jene Eigenschaften, die unsere Bürger von Politikern fordern: 1. Vertrauen, 2. Voraussicht, 3. Sachverstand, 4. Durchsetzungsvermögen und 5. Bürgernähe. Letzteres hängt eng am Vertrauen: „Vertrauen zwischen Führern und Geführten ist die Voraussetzung jedes Erfolgs und die Grundlage für den Zusammenhalt in Not und Gefahr.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 43]

Innerhalb der Gruppe und zwischen Führern und Geführten muss Kameradschaft herrschen: „Kameradschaft erweist sich im Handeln und im rechten Einstehen füreinander. Sie ist das Band, das die Truppe in allen Lagen fest zusammenschließt. … Wer mehr zu leisten vermag, muss dem weniger Erfahrenen und Schwächeren helfen. Falscher Ehrgeiz, Selbstsucht und Unaufrichtigkeit zerstören die Kameradschaft.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 44]

Menschen, die nur ihre Karriere kennen, weder ihren Kollegen noch dem Unternehmen dienen wollen, sind zur Kameradschaft und Führung untauglich. Das gilt auch und gerade im Zeitalter der KI, wo kreative Teams zusammengeführt werden müssen.

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine?

Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind?

Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43]

Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein Hohlspiegel, der die von außen einfallenden Eindrücke verarbeitet und danach unser Verhalten (behavior) ausrichtet. Wir können auch sagen, das Hirn ist wie eine Schallplatte, die nur das abspielen kann, was vorher eingeritzt wurde. Das Hirn arbeitet danach reaktiv, nicht aktiv. So kann man sich auch die KI vorstellen.

Folgerichtig ist dann, was schon David Hume (1711 – 1776) betont hat: Nicht nur unser Gehirn arbeitet ohne freien Willen wie eine Maschine, auch die Geschichte läuft ab wie ein Uhrwerk (Laplace). [Pierre Simon Laplace (1749 – 1827): ‚Das System der Welt’ (1796) und sein fünfbändiges Buch ‚Die Mechanik des Himmels’ (1799 – 1825).  –  Letzte Auflage: Cambridge University Press 2009] Dies war das herrschende Weltbild der Wissenschaftler im 19. Jahrhundert und fand Eingang in die Ideologie des Marxismus, wonach die Geschichte zwangsläufig dem eigentumslosen, kommunistischen Endparadies zueilt. Der Liberalismus sieht es ähnlich; das „Ende der Geschichte“ ist das „Eine-Welt-Dorf“ mit gleichen Werten und einer liberalen, kapitalistischen Weltwirtschaft. [Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992 – Bestseller] – Das bezweifeln nun viele.

Dazu passt nahtlos die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith (1723 – 1790), die ohne unseren Willen die Wirtschaft ins Optimum steuert.

Demgegenüber vertritt die deutsche Philosophie mit Leibniz (1646 – 1716) und Immanuel Kant (1724 – 1804) die Sicht eines aktiven Verstandes mit Verantwortung und freiem Willen. Aufklärung ist die Herausführung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (Kant). Wir sollen eigenverantwortlich denken, handeln.

Gründlich und – aus meiner Sicht – sehr überzeugend haben Karl Popper (1902 – 1994) und John Eccles (1903 – 1997) den Behaviorismus kritisiert. [Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, „18. Radikaler Materialismus oder radikaler Behaviorismus“, S. 88 ff – Popper war Philosoph, Eccles Neurologe.] Nach Popper und Eccles steuert das Ich mit seinem freien Willen unser Hirn. Wir tragen Verantwortung für unsere Entscheidungen, müssen Rechenschaft ablegen. Für vorsätzliches oder fahrlässiges Fehlverhalten werden wir bestraft. Darauf beruht unser ganzes Rechtssystem. KI-Maschinen oder Tiere können nicht vor Gericht gestellt werden.

Dieses unterschiedliche Menschenbild hat Auswirkungen in vielen Lebensbereichen. So ist bei Carl von Clausewitz der Krieg ein Aufeinandertreffen von gegensätzlichen „Willen“. Damit ist der Gegner nicht berechenbar. Er kann sich für uns unerwartet entscheiden und so die Schlacht gewinnen. Wir müssen spontan reagieren können.

Dieser unterschiedlichen Sicht des Menschen und seines Gehirns begegnen wir heute in der Hirnforschung und bei der künstlichen Intelligenz. Damit ist diese Frage kein philosophischer Gelehrtenstreit, sondern für die Wirtschaft und den Fortschritt höchst aktuell. Ein Teil der Hirnforscher geht vom freien Willen aus, ein anderer hält ihn für eine Einbildung. [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt (WBG) 2008, „16. Der freie Wille“, S. 141 ff] Gassen glaubt an einen freien Willen, meint aber, die Frage sei derzeit und vielleicht nie „wissenschaftlich“ zu entscheiden. Dazu passt Karl Poppers „kritischer Rationalismus“, der davon ausgeht, dass wir nie eine wissenschaftliche Erkenntnis verifizieren, d.h. als „wahr“ beweisen, sondern nur durch neue Erkenntnisse widerlegen (falsifizieren) können. Er zeigte dies an den bahnbrechenden Umbrüchen des Weltbilds der Naturwissenschaftler.

Wer glaubt, dass unser Hirn nur eine bessere Maschine ohne freien Willen ist, der stellt letztlich die menschliche und die künstliche Intelligenz auf die gleiche Stufe. Womöglich wäre dann die KI dem Menschen ähnlich überlegen wie ein starker Motor unserer Muskelkraft.

Diese Fragen bewegen heute die Gemüter der Fachwelt. „Maschinen lernen, aber sie denken nicht“, wie Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gerade für die „KI“ [Künstliche Intelligenz] erklärt: ‚Diese Intelligenz unterscheidet sich ganz fundamental von der menschlichen Intelligenz. Maschinen denken nicht. Sie sind einfach in der Lage, aus großen Datenmengen Muster zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen und so zu lernen. Maschinen können lernen, aber ohne zu denken. … Entscheidend ist: Die Menschen müssen wissen, was die Maschinen tun, wie sie es tun und wie wir sie trainieren.“ [Interview in: VDI nachrichten, 21. 04. 2017 (VDI = Verein Deutscher Ingenieure)]

Das wollen wir uns an dem Beispiel der „klugen Ladenkasse“ aus dem letzten Blog-Bericht veranschaulichen. Ein Zauberwort ist dabei heute das „Internet der Dinge“ („Internet of Things“). Dabei verständigen sich übers Internet nicht Menschen, sondern „intelligente Geräte“ (= Dinge), also Maschinen mit KI.

So arbeiten z.B. im „Internet der Dinge“ die „kluge Ladenkasse“ oder der „kluge Kühlschrank“, indem sie entnommene Waren selbsttätig nachbestellen. Werden Transportwege und Beförderungszeiten aufgrund von Erfahrungswerten automatisch eingerechnet, dann lernen der „kluge Kühlschrank“ oder die „kluge Ladenkasse“. Es wird die „zeitgenaue Lieferung“ (Just in time) mit KI optimiert, d.h. es wird rechtzeitig bestellt. „Lernen“ heißt nach Karl Popper aufgrund von Erfahrung, sein Verhalten ändern. Ein solches Erfahrungs-Lernen kann KI. Das ist auch leicht vorstellbar. Diese Begriffsbestimmung von Lernen haben Popper und Eccles durch die Beobachtung von Lernvorgängen bei Katzenbabys gefunden. Das ist aber noch kein „menschliches Denken“, das weder Katzen noch KI beherrschen. [Karl Popper / John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, z.B. S. 453 ff, ] Menschliches Denken kommt nach Popper und Eccles dadurch zustande, dass das „Ich“ oder der menschliche Wille das Hirn als Werkzeug benutzen, um z.B. selbst gewählte Ziele aktiv anzusteuern. Das „Ich“ arbeitet aktiv, kreativ und willkürlich, d.h. eben unberechenbar und nicht vorprogrammiert. – Das ist auch der Gegensatz zum animalischen Trieb oder Instinkt, der dem Tier keine andere Wahl lässt. Nur im Mittelalter soll es gelegentlich Gerichtsverfahren gegen Tiere gegeben haben.

Fügen wir an: Entscheiden heißt „handeln unter Unsicherheit“; das kann nur der Mensch. Und nicht alle entscheiden gleich. Es gibt Zauderer und Draufgänger. Nirgends ist der Wille so entscheidend wie bei Wettkämpfen, Wettbewerb und – letztlich – im Krieg. Die unsichtbare Hand, der vorbestimmte Weltenlauf, auf den wir in Ruhe warten können, sind zwar bequem, aber in diesem Geschehen brandgefährlich.

So drohen der Welt heute Gefahren durch Fehlverhalten, für das wir Menschen die Verantwortung tragen. Das sind Klima- und Umweltkatastrophen, Atomkriege und auch zerfallende Staaten, bei denen wir von „kultureller Umweltzerstörung“ sprechen. Das kann uns keine Maschine, keine KI abnehmen. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Stephan Hawkings, der große, kürzlich verstorbene Weltraumforscher, meinte, die Menschheit sei zu dumm, um langfristig zu überleben. Wir halten es mit Karl Valentin: „Vorhersagen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen.“

29. Wozu brauchen wir KI?

Alle Welt redet heute von KI [= künstliche Intelligenz]. Sie soll neu entdeckt sein und über Großrechner bald die menschliche Intelligenz übertreffen. Alles soll sich damit ändern: unser Privatleben, die Wirtschaft, der Staat, kurz alle Bereiche der Gesellschaft. Die einen betrachten das als Segen, die anderen als Fluch.

Wir werden uns dem Thema in drei Blog-Berichten nähern.

  1. Wozu brauchen wir KI?
  2. Der Mensch und die KI?
  3. Deutsche Wirtschaft und die KI?

Wir dürfen die Orientierung nicht verlieren. Dazu müssen wir uns den Überblick verschaffen und die Zusammenhänge erkennen. Das hieß früher Allgemeinbildung (vgl. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft). Nur Orientierung überwindet Unsicherheit und Ängste. Der Mensch muss „Herr des Geschehens“ bleiben. Andernfalls ereilt uns das Unglück von Goethes „Zauberlehrling“. Das gilt gerade für die KI!

Konfuzius wurde gefragt: „Meister, was müssen wir tun, um den Staat zu ordnen?“ Er antwortete: „Wir müssen die Begriffe klären.“ Fragen wir zuerst nach den Wortbedeutungen.

  • Intelligenz ist ganz einfach gesagt: Kluge Gedanken, schlaue Einfälle. Es ist das Denkvermögen, das wir Menschen besitzen, weil wir die Großhirnrinde haben. Das unterscheidet uns vom Tier.
  • Künstlich ist maschinell angefertigt, nicht natürlich. Es ist Menschenwerk.

KI ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturerzeugnis. (vgl. 8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen) Ohne Erfinder, Programmierer und Anwender keine KI!

Nun soll KI bald denken können wie ein Mensch oder sogar besser. Viele Tätigkeiten, die wir heute noch ausführen (müssen), soll künftig eine Maschine oder ein Rechner (Computer) oder gar ein Roboter erledigen, im Idealfall (!) sogar schneller, genauer und fehlerfrei.

Schon heute kann ein Computer Schach spielen, oft besser als ein Großmeister. Das Schachspiel selbst kann aber kein Computer erfinden.

Die Frage, die sofort auftaucht, heißt: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine. Diese Frage stellt sich die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804).

(Wir werden im nächsten Blog-Bericht „30. Der Mensch und die KI“ sehen, dass die Angelsachsen und die Deutschen darauf geradezu gegensätzliche Antworten hatten und haben.)

Auch ein Zufall kann nur eintreten, wenn es einen Rahmen und Regeln gibt, die dem Zufall die Möglichkeit geben, sich zu ereignen. Ein alltägliches Beispiel ist das Lotto. Ohne die Organisation einer Lotterie, ohne Gewinnregeln und  Menschen, die mitmachen, gibt es keine „zufälligen“ Gewinne. Diese Sache wird philosophisch und religiös, wenn wir fragen: „Wer hat den Rahmen und die Regeln geschaffen, nach denen die Naturgesetze, das Entstehung und Geschehen im Weltall ablaufen?“ Damit beschäftigen wir uns heute nicht.

Uns bewegt jetzt: Wie erreichen wir, dass eine Maschine denkt? Die Fachwelt sagt: „Dazu brauchen wir einen Algorithmus.“ Befragungen ergaben, dass nur 7% der Europäer wissen, was das Wort bedeutet. Die Wissenschaft, die Medien und die für die Bildung verantwortliche Politik haben also hier ihre Bringschuld nicht erfüllt.

Dabei ist ein Grundverständnis auch beim Algorithmus gar nicht schwer. Die Kurzerklärung im Duden lautet: „Algorithmus ist ein nach einem bestimmtem Schema ablaufender Rechenvorgang.“ Doch der Ausdruck wird über die Mathe und die IT-Technik hinaus verwendet: „Algorithmen bestehen danach aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten. Damit können sie zur Ausführung in ein Computerprogramm eingebaut, aber auch in menschlicher Sprache formuliert werden.“

Ein ganz einfaches Algorithmus-Beispiel ist ein Kochrezept, ein anderes der Ersatz des „Fräuleins vom Amt“ in der Fernmeldevermittlung durch die Selbstwahl. Telefonverbindungen müssen nicht mehr gestöpselt werden, die gewählte Nummer sucht sich selbst den Weg zum Ziel. Sehr neu sind der Rasenmäher und der Staubsauger mit Fühlern (Sensoren). Sie bearbeiten eine abgegrenzte Arbeitsfläche selbständig.

Der Motor hat die menschliche, tierische und natürliche Arbeitskraft wie Wasser- und Windmühlen ersetzt und vervielfacht. Nun werden durch Programmierung von Arbeitsgängen bei Maschinen die Arbeitsschritte automatisiert, d.h. selbsttätig hintereinandergeschaltet. Das brachte die Erfindung der numerisch gesteuerten Werkzeugmaschinen (CNC-Maschinen) seit den 1960er Jahren.

Werden nun diese Einzelmaschinen wieder mit einander verbunden, dann kommen wir zur digital voll vernetzten Fabrik, zur Industrie 4.0. Die Fließbandarbeit entfällt endgültig. Auch das ist nicht ganz neu. In den 1990er Jahren besuchte ich in Buchen-Hainstadt die Fa. Bott-Eder. Dort wurden Dachziegel hergestellt. Vom Abgraben des Tons über das Ausstanzen der Formen, dem Brennen der Ziegel bis zur Lagerung lief alles selbsttätig ab. Die große Fabrikhalle war menschenleer. Fachkräfte schauten nur, wo etwas stockte. Genau das ist KI mit einem wohldefinierten Algorithmus.

Betrachten wir noch zwei Aufgaben, die sehr wichtig und nutzbringend wären. Es geht (1.) um die Steuerung der Produktion durch die Kunden, nennen wir es die „kluge Ladenkasse“. Und dann bräuchten wir (2.) die zeitgleiche Übersetzung von einer Sprache in die andere; das wäre der „Dolmetscher hinterm Ohr“.

 Die „kluge Ladenkasse“ ist durchaus möglich und wäre für alle Beteiligten von Nutzen. Sobald heute ein Artikel über den Scanner gezogen wird, erscheint auf dem Bildschirm an der Kasse der Preis. Doch die Meldung müsste elektronisch in die Buchhaltung und Betellabteilung weitergehen. Dort kann KI auswerten, wie viele Artikel noch da sind oder ob automatisch eine Bestellung übers Internet abgeschickt wird. Wenn diese in der Fabrik eingeht, bearbeitet KI nicht nur den Versand, sondern entscheidet auch, ob im Lager noch genügend Vorrat ist oder die Fertigung von Nachschub angeworfen wird. Läuft der ganze Vorgang vom Kauf über die Bestellungen bis zur Herstellung selbsttätig ab, dann steuert der Kunde – wir können sagen – von unten die Produktion: Marktwirtschaft in Reinform!

Das zweite Beispiel ist der „Dolmetscher hinterm Ohr“, am besten in der Größe eines modernen Hörgeräts für Schwerhörige. Das wäre nur die Vervollkommnung und Verknüpfung von Spracherkennung und automatischer Übersetzung. Beides gibt es schon, weist aber noch erhebliche Fehlerquoten auf. Wir haben hier deutlichen, aber sehr nutzbringenden Forschungs- und Entwicklungsbedarf (F & E).

Der Personalchef von Heideldruck, Rupert Felder, meinte in einem Vortrag (20.11.18), dass dies nicht nur blad komme, sondern auch unser ganzes Schulsystem umkrempeln könnte. Fremdsprachen seien dann nicht mehr so wichtig. Das gäbe Raum für andere, naturwissenschaftliche, technische und sonst nützliche Fertigkeiten. Wenn sich unser Wissen alle zehn Jahre verdoppelt, dann können wir uns die vielen Unterrichtsstunden für Fremdsprachen vielleicht nicht mehr leisten. Denn zumindest bildungsmäßig, also im Überblick und in Kenntnis der Zusammenhänge, müssen wir alle die Orientierung behalten.

26. Kampf der Wissenschaft gegen Fachverlage – Teil 2

Wir haben uns mit der „Freiheit der Wissenschaft“ und der Unfreiheit durch die Fachzeitschriften in zwei Blog-Berichten beschäftigt:

  • „Freie statt gesteuerte Wissenschaft!“ – 11.01.2019
  • „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ – 14.01.2019

Nun berichtet der Chefunterhändler der Wissenschaftler, Horst Hippel, der bis vor kurzem auch lang Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war, von einem großen Erfolg. Das Handelsblatt meint sogar: „Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung“ [Handelsblatt, 16.01.2019]

Was ist geschehen? Die in einem sog. Deal-Konsortium zusammengeschlossenen deutschen Wissenschaftler haben mit einem der drei größten Fachverlage für wissenschaftliche Zeitschriften, nämlich Wiley, einen Vertrag geschlossen. Danach sollen rund 700 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen freien Zugang zu den Veröffentlichungen des US-Verlags Wiley bekommen. Dieser veröffentlich jährlich rund 10.000 wissenschaftliche Artikel.

Wer nachrechnet stellt fest, dass das etwa 10 – 20 % der jährlichen Veröffentlichungen sind. Denn Zweitdrittel des Marktes teilen sich die drei großen Fachverlage; das sind Elsevier, Springer Nature und der genannte Wiley-Verlag. Von diesen drei gehört wieder die Hälfte dem Verlag Elsevier, der 2018 aus den Verhandlungen mit den Wissenschaftlern ausgestiegen ist. Springer verhandelt weiter. Es handelt sich also nur um einen ersten Schritt. Denn beim Rest bleibt alles beim Alten.

Außerdem geht es nur um den Zugang zu den Publikationen, die von den Verlagen zur Veröffentlichung angenommen wurden. Wer nicht in eine der Zeitschriften kommt, hat nichts von dem Deal. Unser Blog-Bericht „Freie statt gesteuerte Wissenschaft“ bleibt also voll gültig und aktuell. Die Verhandlungen waren langwierig. Im Blog vom 14.01.2019 berichteten wir vom „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ im Jahr 2012. Die Verhandlungen begannen dann 2016; und nun haben wir 2019 ein Teilergebnis.

In dem Streit und im Vertrag geht es zunächst ums Geld. Denn die Fachverlage verdienen als Oligopolisten prächtig. Das gilt vor allem für die drei großen Markt-Beherrscher. Die Rendite von Elsevier soll bei 40% liegen.

Nun wurde vereinbart, dass nicht die Leser, sondern die Schreiber künftig zahlen. Man kann sich das so vorstellen wie bei den Anzeigenblättern; sie werden kostenlos in die Briefkästen gesteckt und von denen bezahlt, die darin ihre Waren und Dienste bewerben. Briefkästen haben in unserem Fall aber nur die oben genannten 700 Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wie die sonstigen Vertriebswege in dem neuen, bisher nur mit dem Wiley-Verlag vereinbarten System sind, ist unbekannt. Einzelheiten sollen Mitte Februar veröffentlicht werden.

Verdienen künftig die Verlage mehr oder weniger? Das ist unklar, sagte der Wiley-Vertreter: „Wegfallende Abonnenten-Einnahmen müssen künftig durch Gebühren der Forscher kompensierte werden.“ Die Forscher können natürlich nicht emsig arbeiten und dafür in den eigenen Geldbeutel greifen. Ihre Auftraggeber (z.B. Uni, Forschungsinstitut) müssen zahlen. Und so meint Gerhard Meijer von der Max-Planck-Gesellschaft: „Bisher ist klar, dass etwa eine Reise zu einem Kongress in den USA aus Forschungsprojektmitteln bezahlt wird. Künftig muss daraus eben auch die Publikation der Forschungsergebnisse finanziert werden.“ [Handelsblatt, 16.01.2019]

Ziel der Wissenschaftler bei dem Deal war zum einen „freier Zugang“, genannt „Open Access“, zu den Ergebnissen von Wissenschaft und Forschung; diese werden bei uns weitgehend mit Steuermitteln finanziert. Zum anderen sollten „die überzogenen Preise und exorbitanten Gewinne der dominierenden Verlage“ beendet werden.

Ziele erreicht? Verhandlungsführer Horst Hippler frohlockt nach dem über dreijährigen Kampf: „Das Abkommen ist ein revolutionärer Schritt auf dem Weg zu generellem Open Access.“ Hoffen wir das Beste. Bisher mussten für Druck- und Online-Abos mittlere Unis jährlich mehrere Millionen Euro bezahlen. Das Geld kommt künftig nur aus anderen Steuertöpfen oder Haushaltsstellen (bisher: Zeitschriftenkäufe, künftig: Forschungsmittel). Entscheidend wird sein, was die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Artikels kosten wird und ob dabei die bisherigen hohen Renditen von bis 40% von den Verlagen durchgesetzt werden können.

Da waren wir im Blog „Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften“ schon näher an einer besseren Lösung: Nur staatliche Einrichtungen und entsprechende Gesetze können helfen. In den USA war das „National Institute of Health“ bestrebt, eine Politik des offenen Zugangs durchzusetzen. „Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies verbieten – und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.“ Die Verlage sind offensichtlich mächtige und erfolgreiche Spender bei den Wahlen von Personen und Parteien. Das ist dann Staats- und Politikversagen.

Darum kam dort Olaf Storbeck zu einem weiteren, gut nachvollziehbaren Schluss: „Wirklich etwas bewegen könnten nur staatliche Forschungsgesellschaften wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die wissenschaftliche Projekte finanzieren. … Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in freizugänglichen Zeitschriften erscheint.“ [Handelsblatt, 13.02.2012] Sie könnten auch auf Deutsch als Wissenschaftssprache bestehen. Es ist eigentlich deutsche und kontinentaleuropäische Tradition, dass bei Marktversagen und Schädigung des Gemeinwohls der Staat eingreift. – Das kann man nicht oft genug sagen.

 

25. Aufstand der Wissenschaftler gegen Fachzeitschriften

Die im letzten Blog beschriebenen Missstände sorgten 2012 für einen Aufstand. Dennis Snower, bis heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, wurde vom Handelsblatt interviewt. Auch er gehört zu den scharfe Kritikern der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Er meint: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“  [Handelsblatt vom 13.02.2012 S. 18]  Es blieb nicht bei Protesten.

Auch Angelsachsen sind mit ihren englischen Fachzeitschriften unzufrieden. Zur gleichen Zeit erschien im Handelsblatt ein weiterer Aufsatz mit dem Titel: „Wie viel darf Wissen kosten? Forscher wollen einen Fachverlag boykottieren, weil dieser angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet“. [Handelsblatt vom 13.02.2012, S. 18] Ein Wissenschaftler namens Timothy Growers rief seine Kollegen zum Boykott auf und nach kurzer Zeit hatten sich rund 5.200 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen seinem Aufruf angeschlossen. Sogar die Präsidentin der internationalen Mathematikerunion und Chefherausgeberin einer Fachzeitschrift im Verlag Elsevier, der boykottiert wurde, unterschrieb.

Kritisiert wurden mehrere Dinge. Zum einen würden die Verfasser der Veröffentlichung unentgeltlich, sozusagen ehrenamtlich arbeiten. Für die Verlage sei das Gegenteil der Fall: „Die großen, profitorientierten Wissenschaftsverlage pressen so viel Geld aus der akademischen Welt heraus, wie der Markt hergibt.“ Seit 1999 seien die Gebühren der Bibliotheken für den Zugang zu Zeitschriften um 90 % gestiegen. Die Verlage würden Hochpreispolitik betreiben, ihre Monopolstellung ausnützen und ihre überteuerten Fachblätter nur als Pakete verkaufen. Für die Bibliotheken sei es unwirtschaftlich, einzelne Zeitschriften abzubestellen. (Die Kartellämter schlafen tief.) Der „freie Markt“ führt hier zu Ergebnissen, die Art. 5 III GG (Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre) eindeutig widersprechen.

Eigentlich säßen ja die Wissenschaftler am längeren Hebel. Ohne ihre Arbeit könnten Fachverlage gar nichts veröffentlichen. Die vielbeschworene Wissenschaftsgemeinde ist jedoch zersplittert. Bei ihnen herrscht rücksichtslose Konkurrenz um Lehrstühle, um Bekanntheit und Ansehen in der Wissenschaftler-Gemeinde und Drittmittel der Wirtschaft und der Politik.

Vor allem sei es äußerst schwierig, eine neue Fachzeitschrift am Markt durchzusetzen. Neue Journale brauchten Jahre, um anerkannt und gelesen zu werden. Wie schwierig es ist, neue Zeitschriften herauszugeben, zeigte die European Economic Association (EEA). Diese Vereinigung hatte bis 2002 die Zeitschrift „European Economic Review“ (EER) zusammen mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier herausgegeben, den nun Timothy Growers heftig kritisierte. Nach langem Streit kündigte die genannte europäische Wissenschaftsvereinigung (EEA) dem Verlag und gründete 2003 das nicht kommerzielle „Journal of the European Economic Association“ (JEEA). „In einem spektakulären Schritt wechselte das gesamte Herausgebergremium zur neuen Zeitschrift.“ Wissenschaftlich gesehen sei die neue Zeitschrift sehr erfolgreich. Ihre Artikel wurden so häufig zitiert, wie jene der immer noch bestehenden „European Economic Review“ (EER). „Trotzdem ist das JEEA aber noch immer unzureichend in den Bibliotheken vertreten.“ Das liege vor allem an den Bündelungsverträgen, mit denen die Fachverlage die Universitätseinrichtungen knebelten.

Im Juli 2018 berichtete das „Recherchenetzwerk“ von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung Magazin“, dass mehr als 5000 deutsche Forscher in den vergangenen Jahren ihre Forschungs- und Studienergebnisse in unwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht hätten. Weltweit seien es etwa 400.000 Forscher gewesen. [Neben allen ARD-Anstalten urteilten so auch die Tageszeitungen, z.B. RNZ, 20.07.2018] Doch wer entscheidet, was unwissenschaftlich ist?

Die Schlussfolgerungen im genannten Handelsblattartikel („Wie viel darf Wissenschaft kosten?“) sind einfach und richtig. Nur staatliche Einrichtungen und entsprechende Gesetze können helfen. In den USA war das „National Institute of Health“ bestrebt, eine Politik des offenen Zugangs durchzusetzen. „Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies verbieten – und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.“ Die Verlage sind offensichtlich mächtige und erfolgreiche Spender bei den Wahlen von Personen und Parteien.

Darum kommt der Verfasser Olaf Storbeck zu einem weiteren, gut nachvollziehbaren Schluss: „Wirklich etwas bewegen könnten nur staatliche Forschungsgesellschaften wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die wissenschaftliche Projekte finanzieren. … Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in freizugänglichen Zeitschriften erscheint.“ [Handelsblatt a.a.O.] Sie könnten auch auf Deutsch als Wissenschaftssprache bestehen. Und es ist eigentlich deutsche und kontinentaleuropäische Tradition, dass bei Marktversagen der Staat eingreift. Bis heute ist nichts geschehen.

24. Freie statt gesteuerte Wissenschaft!

Nicht immer ist es der Staat, der unsere Freiheit bedroht. Das meinen nur die Neoliberalen. Oft sind es Machtgruppen, Lobbyisten und Konzerne, die für Unfreiheit sorgen.

Dazu wollen wir heute ein ganz wichtiges Wissensgebiet unter die Lupe nehmen. Es sind die Wirtschaftswissenschaften. Sie sind ein Hauptbetätigungsfeld der Neoliberalen. Und mit Chinas staatlich gesteuerter Volkswirtschaft ist ein ernster Konkurrent aufgetaucht. Er verbindet eine klare wirtschaftliche Strategie mit einer konsequenten operativen Steuerung und einer geschickten Taktik [vgl. G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und der Wirtschaftssysteme, Abschnitt: „Chinas staatlich gesteuerte Volkswirtschaft“, S. 29 ff] Kein Zweifel, Europa u.a. brauchen hier eine Gegenstrategie, um Wissen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunftsunternehmen zu sichern.

Die „unsichtbare Hand“ eines Adam Smith (1723 -1790) wird das nicht schaffen. Sie lenkt nur in der Theorie alles zum Besten, ins große Gleichgewicht. Tatsächlich stecken Klassiker und Keynesianer seit der Finanzpleite von 2007 in einer Orientierungskrise. Sind sie nun dabei sich zu erneuern, kreative und innovative Lösungen zu finden?

Greifen wir dazu mitten hinein ins volle Leben und Kampfgeschehen der Volkswirtschaftslehre. Manche behaupten hier herrschten Missstände, die gar den Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz aushebeln, d.h. die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Bestimmen bei uns und im Westen Vernunft oder oft reine Macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung?

Wie der Wissenschaftsbetrieb weithin abläuft, lässt sich gut an den wissenschaftlichen Fachzeitschriften zeigen. Sie werden heute von den angelsächsischen Volkswirten beherrscht, ja geradezu kontrolliert. Dieser Freiheitsentzug kommt nicht vom Staat, sondern von Machtgruppen der Gesellschaft. Es sind die Herren der angesehenen englischen Fachblätter. Dadurch bestimmen sie nicht nur den Meinungsmarkt, sondern auch, was in ihren Zeitschriften veröffentlicht wird. Und das ist jeweils „ihre“ herrschende Meinung, also seit 1970 ff die neoliberale Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik.

Hinzu kommt, dass die Anzahl der dort veröffentlichten Aufsätze bei Berufungsverfahren auch an deutschen Universitäten entscheidet, wer zum Ordinarius (Ordentlicher Professor) und damit Lehrstuhlinhaber berufen wird.

Auf einer volkswirtschaftlichen Tagung einer politischen Stiftung wurde ein Nachwuchswissenschaftler zu diesen Missständen von den Zuhörern eingehend interviewt. Er gab bereitwillig Auskunft und meinte: „Im Berufungsverfahren ist vor allem eine möglichst lange Liste von Veröffentlichungen ausschlaggebend.“ Der Inhalt sei nicht wichtig, nur wo und wie viel veröffentlicht wurde. Alle von ihm genannten Fachzeitschriften waren englischsprachig. Ich fragte nach dem „Wirtschaftsdienst“ (früher Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, HWWA, jetzt  Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, ZBW), den ich über viele Jahre bezogen hatte. Er winkte ab. Solche und andere deutschsprachigen Fachblätter seien nicht erste Wahl, höchstens in die Kategorie C einzuordnen. Damit könne man nicht glänzen. Es gebe eben keine deutschsprachige Zeitschrift mit „Reputation“, mit dem erforderlichen wissenschaftlichen Ansehen.

Doch die Hürde, in solch eine angelsächsische Zeitschrift zu kommen, sei hoch. Die Ablehnungsquote liege zwischen 80 und 90 %. Hinzu komme, dass die Zeit der Begutachtung zwischen einem dreiviertel und zwei Jahren liege. Die nächste Klippe seien die Gutachter. Sie gehören durchweg zur bekannten angelsächsischen Garde. „Es wird eher das Herkömmliche veröffentlicht.“ Neue Ansätze kommen deswegen nicht nur schwer in die Fachzeitschriften, sondern auch schwer in die Lehre. Zwei anonyme Gutachter beurteilen die eingereichten Aufsätze. Beide müssen zustimmen. Wir können daraus zwei Schlüsse ziehen. Dort wird erstens entschieden, wer veröffentlichen darf, und zweitens auch, wer in Deutschland Professor wird.

Hier hebelt die Marktmacht den Art. 5 III GG (Freiheit von Forschung und Lehre) aus. Wer auf eine „Bereinigung“ durch den Wettbewerb wartet, wartet vergeblich. Wenn bei Wirtschaftswissenschaftlern ein Problem auftaucht, dann heißt die Lösung eintönig: mehr Markt und mehr Wettbewerb. Das kann helfen, hilft aber wie im vorliegenden Fall nicht immer. Ist nämlich der Markt vermachtet und dazu noch völlig „dereguliert“, dann wird der Markt zum Problem. Bei den neoliberalen Marktgläubigen herrscht ein eingleisiges und engstirniges Denken.

Damit kommen wir wieder zum Primat der Politik. Dort liegt die letzte Verantwortung für die Beseitigung von Missständen und die Durchsetzung des „gemeinen Besten“, des Allgemeinwohls. Den richtigen Ansatz hatte unsere traditionelle Politik. Wir vertrauten nicht auf die „unsichtbare Hand“, die durch den Markt und den Wettbewerb nicht alles zum Besten lenkt, sondern auf den Staat, der für die Verbesserung der Verhältnisse zuständig und verantwortlich ist.

Dass das sogar die Wirtschaftswissenschaftler in diesem, sie entmündigenden Bereich erkannt haben, wollen wir uns im nächsten Blog genauer ansehen. Da geht es dann ums Thema Wissenschaftler gegen die Marktmacht von Fachzeitschriften und Fachverlagen.

 

14. Pornografie als Leitperspektive im Bildungsplan

Kulturkampf im Südwesten

Seit Beginn des Jahres 2014 herrscht in Baden-Württemberg Kulturkampf-Stimmung. Die grün-rote Regierung hatte Leitperspektiven zum Bildungsplan veröffentlicht, der ab 2016 gelten soll. Dagegen richteten sich eine Online-Petition mit rund 200.000 Unterschützern, eine Unterschriften-Aktion mit 100.000 Unterzeichnern. Die Gegenpetitionen kamen auf ähnliche Werte. Es gab Demonstrationen dafür und dagegen.

Im Oktober 2014 ging der „Streit um den Bildungsplan in eine neue Runde“ (Die Welt): „Lehrer warnen vor Pornografisierung der Schule“ Der Philologenverband und sein Verbandschef Bernd Saur sprachen unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ von „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“. Es sei unsäglich, „was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipierte Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer“ in den Unterricht integrieren wollten: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellungen oder die wichtige Frage: ‚Wie betreibt man einen Puff‘ sollen im Klassenzimmer diskutiert werden.“ [Die Welt vom 21.10.2014]

Die Grünen und die SPD sehen das anders; die CDU schweigt. Ministerpräsident Kretschmann: „Wenn Ausdrücke wie ‚schwule Sau‘ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen gehören, dann ist da Handlungsbedarf da.“ Deshalb sei es richtig, die Themen Pluralität und Toleranz im Unterricht angemessen zu verankern. [Die Welt vom 30.01.2014]

Nach Presseberichten wird vermutet, dass die Landesregierung wenige Tage vor der Landtagswahl (13.03.2016) den Bildungsplan heimlich in Kraft setzen will. Die Leitperspektiven wurden vom Internet-Portal des Bildungsministeriums genommen.

Unser Gehirn: Triebe und Triebbewältigung

(1.) Worum geht es? Was ist Pornografie? (2.) Wo steht das, was der Philologenverband behauptet?

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13. Bürgerstaat: Werte und Wertewandel

Werte sorgen für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 haben die Bedeutung von Werten als allgemeine Verhaltensregeln wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die Auseinandersetzung mit dem Islam und anderen Kulturen die Frage nach europäischen Werten entfacht.

Gerade der Bürgerstaat, der von unten statt von oben seine Ziele, Gesetze und Lebensformen entwickelt, braucht gemeinsame Werte und Überzeugungen. Denn es wird nicht wie in einem Zwangs- oder Obrigkeitsstaat von Kommissaren kommandiert, was richtig oder falsch ist. Es ist auch nicht eine selbsternannte Elite oder politischen Klasse, die der Herde vorgibt, was zu glauben und zu tun ist. Die mündigen Bürger sprengen die ideologischen Raster, „denn letztlich geht es um etwas sehr einfaches: dass freie Individuen frei entscheiden können, was das Beste für sie ist“. [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Zürich 2014, S. 14] Die Zeit und unsere Bürger sind reif dafür.

Machen wir uns also Gedanken darüber, wie bei jedem von uns Werte entstehen. Fragen wir, ob sich Werte wandeln oder immer gleich und ewig gültig sind. Fragen wir auch, ob Werte zeit-, raum- und kulturabhängig sind. Kant und andere große Philosophen, die Religionen und Ideologie samt ihren Gläubigen behaupten bis heute, dass es nur eine Wahrheit und Wertordnung gäbe, und zwar die jeweils eigene.

Die heutige Hirnforschung erklärt uns, warum wir Menschen zu unterschiedlicher Wahrheit und Moral kommen.

Im 20. Jahrhundert haben unsere Kenntnisse über „den gestirnten Himmel über uns“ und „das Gesetz in uns“ (Kant) gewaltig zugenommen. So kann erklärt werden, wie und warum nicht nur die „reine oder die praktische Vernunft“, sondern auch Gefühle und Instinkte unsere jeweils ganz persönlichen Werte bestimmen. Wir haben nämlich drei miteinander verbundene Einzel-Gehirne. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung (biologischen Evolution). Ihre Aufgaben und ihr Aufbau sind unterschiedlich.

Gehirn-Grafik-gekuerzt

Das älteste und innerste ist das Reptilhirn, auch Stammhirn genannt. Wir haben es mit den Kriechtieren gemeinsam; und bei ihnen wurden auch Aufbau und Funktionsweise erforscht. Fressen, Beißen und der reine Geschlechtstrieb sitzen hier. Instinkte und Hormone, Reflexe und Erregungszustände steuern das Verhalten, und man kann damit überleben. Höhere Tiere und wir Menschen haben dann noch das Limbische System als zweites Gehirn dazubekommen. Gefühle und Mitgefühle, Zu- und Abneigungen, Freude, Trauer und Stimmungen gehen unbewusst, spontan von hier aus. Schon an unserem Hund werden wir vieles davon entdecken. Wir könnten hier von „Seele“ oder „Herzlichkeit“ sprechen, im Unterschied zum kühlen mathematischen Verstand. Damit sind wir beim letzten und nur uns Menschen eigenen Gehirnteil: der Großhirnrinde. Das Denken und bewusste Erleben, der Wille mit den willkürlichen Bewegungen und die Sprache machen uns zum „homo sapiens“, zum vernunftbegabten Menschen.

Doch mit der Vernunft ist es so eine Sache. Denn unserem Bewusstsein entzogen wirken die zwei anderen Gehirne auf das oberste ein – und umgekehrt. Da alles zusammenwirkt, ist nach heutigem Wissensstand eine scharfe Trennung nicht möglich (z.B. Neugiertrieb). Einzelne Krankheiten werden jedoch ganz oder überwiegend einem der Gehirne zugeordnet (z.B. Autismus dem Limbischen System). Das obige Bild zeigt stark vereinfacht das Modell nach Paul McLean. [anschaulich und reich bebildert: Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt 2008; gut auch: Karl Popper und John Eccels, Das Ich und sein Gehirn, München 1987]

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11. Bürgerstaat: Mittlere Reife für alle

Das Ziel „Mittelstand für alle“ setzt voraus, dass alle einen mittleren Bildungsabschluss schaffen. Der heißt heute allgemein „Mittlere Reife“. Er ist die Voraussetzung für den Zugang zu den meisten Berufsausbildungen und zur schulischen Oberstufe (Sekundarstufe II). Wir sind, wie im letzten Blog-Bericht gesagt, der Überzeugung, dass auch bei uns gelingen muss, was Finnland, die Schweiz u.a. erreichen: 95 % haben einen Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur oder Mittlere Reife und Berufsabschluss). Ein Viertel oder ein Drittel junger Leute ohne Berufsabschluss wie bei uns ist untragbar (vgl. letzten Blog-Bericht).

Es liegt nicht an einer zu dummen Jugend, sondern an einem zu dummen Schulsystem. Ein Blick in den schulischen Alltag zeigt ein Video des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Eine, wie es heißt, gar nicht außergewöhnliche Hamburger Schule wurde besucht: „Lehrer am Limit

Aber auch diejenigen, die einen Abschluss bekommen, haben zu oft nicht die „Ausbildungsreife“. Das wird weithin beklagt. So berichtete „Die Zeit“ am 13.07.2006 über das Ergebnis einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Uni Würzburg: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den sechziger Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau der Schüler von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker [Lese- und Rechtschreibschwache].“ Ähnliches gilt fürs Rechnen. Pisa zeigt keine großen Besserungen.
Fragen wir nach den Gründen.

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